Strategie-Änderung
Radikalkur für die S-Klasse. Mercedes hat jede zweite Komponente angefasst und weiterentwickelt. Beim autonomen Fahren gibt es einen Rückschritt.
Stuttgart – Sie ist der Boss, die Visitenkarte von Mercedes-Benz. Und sie setzt die Maßstäbe im Konzern. Ob ABS oder ESP, ob Gurtstraffer oder Abstandsautomatik – die S-Klasse von Mercedes ist seit über 50 Jahren das technologische Schaufenster der schwäbischen Entwickler. Auch bei den Motoren: Vom legendären V8 (M100) mit 6,9 Litern Hubraum und 286 PS bis hin zum Fünf-Zylinder-Turbo-Diesel, der in der ersten S-Klasse im 300 SD sein Seriendebüt feierte. Von dieser legendären Baureihe W116 wurden zwischen 1972 und 1980 rund 473.000 Exemplare verkauft. Und seitdem gilt ein ehernes Gesetz bei Mercedes: Wenn die S-Klasse Erfolg hat, dann klingelt es auch ordentlich in der Konzernkasse. Von daher ist jede Neuauflage ein wichtiger Moment in Sindelfingen. Auch wenn es sich wie hier im vorliegenden Fall nur um ein Facelift der seit 2020 gebauten elften Generation handelt.
Aber was heißt hier Facelift? Mehr als 50 Prozent oder 2.700 Komponenten wurden überarbeitet oder neu entwickelt. Alles hat man uns bei einer ersten exklusiven Mitfahrt im Top-Modell S580 4matic natürlich nicht sehen lassen, weil die eigentliche Weltpremiere noch vor der Tür steht. Aber so manches hat uns der 20-minütigen Rundtrip um Sindelfingen dann doch verraten. Da ist einiges dabei, was die Konkurrenz von BMW 7er, über Audi A8 oder Genesis G90 ins Grübeln bringen wird.
Auch wenn die gold-schwarze Tarnhülle die Karosserie geschickt vernebelt – man sieht, dass die Optik dezent überarbeitet wurde und einige Merkmale bekommen hat, die man schon von anderen neuen Mercedes-Modellen kennt. Am getarnten Fahrzeug kann man erkennen, dass Front- und Heckleuchten mit den neuen sternförmigen Lichtsignaturen ausgestattet werden. Beim Kompakt-Coupé CLA und bei der Kombi-Variante Shooting-Brake hat man sie ja zum ersten Mal gesehen. Der größere Kühlergrill dürfte sich am neuen elektrischen GLC orientieren. Der Rahmen leuchtet, und ob noch andere Features wie etwa Kommunikations-LEDs dazukommen, darüber darf spekuliert werden.
Was für das Exterieur die Tarnfolie ist, das sind im Interieur die dicken schwarzen Stoff-Decken, die von den Fond-Bildschirmen hinter den Sitzen bis über die Mittelkonsole und das eigentliche Armaturenbrett alles verhüllen, was neugierige Journalisten schon jetzt gerne sehen würden. Wir gehen davon aus, dass im Cockpit der 1,41 Meter breite Hyperscreen mit OLED-Technik und einem eigenen Beifahrer-Bildschirm Einzug halten wird. Da kann auch der Megascreen im neuen Mazda CX-6e nicht mithalten. Premiere feierte das schwäbische Bordkino ja schon vor einiger Zeit im elektrischen EQS, der nicht sonderlich erfolgreichen elektrischen S-Klasse. Auch im neuen Elektro-GLC darf die durchgehende schwarze Glasfläche glänzen. Hinter dem Hyperscreen mit seiner brillanten Auflösung steckt „physisch“ die grafische Power einer Gaming-Engine und „psychisch“ ein echtes Superhirn.
Das neue Betriebssystem MB.OS arbeitet mit diversen KIs und soll selbstlernend sein. Superschnell dank Nvidia-Hochleistungschip (bis zu 254 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde) steuert es jeden Aspekt des Autos – vom Infotainment bis hin zum automatisierten Fahren auf Level 2++. Das heißt, das Fahrzeug übernimmt zeitweise unter anderem Lenkung, Beschleunigen und Bremsen, der Fahrer bleibt jedoch immer in der Verantwortung. Damit macht die neue S-Klasse einen kleinen Rückschritt, weil das aktuelle Modell optional und unter bestimmten Bedingungen den Level 3 (freihändig fahren, Haftung beim Hersteller) ja schon beherrscht. Aufgrund einer zu geringen Nachfrage, einer komplexen Rechtssituation und den immens hohen Entwicklungskosten konzentrieren sich die Stuttgarter jetzt wieder auf reine Assistenzsysteme. So dürfte es noch eine Weile dauern, bis die S-Klasse voll automatisiert fährt, während die Insassen gleichzeitig eine Videokonferenz abhalten. Im Stand geht das ab dem Facelift allerdings jetzt schon. Jeder Sitz wird von eigenen Kameras und Mikrofonen angesteuert, sodass alle vier Passagiere via Internet zu einer Sitzung weit entfernt vom Fahrzeugstandort zugeschaltet werden können. Vermutlich – das konnten wir allerdings nicht sehen – gibt es die dazugehörige Live-Übertragung dann auf dem Infotainment-Bildschirm.
Aber zurück zum Fahren. Sowohl auf dem Beifahrersitz als auch auf dem Chef-Platz rechts hinten, fühlt man sich wie auf einer Wolke. Das haben wir auch so erwartet. Die Luftfederung von Mercedes ist ja Legende. Die neue Generation wartet jedoch mit einer interessanten Neuheit auf. Eine Art lernendes Fahrwerk. Das muss man sich so vorstellen: Bei jedem Trip sammeln die Limousinen Daten über den jeweiligen Straßenzustand. Zum Beispiel lange Bodenwellen, tückische Löcher, oder Frostaufbrüche im Asphalt. Sie verknüpfen diese Daten mit Koordinaten und schicken das Ganze dann in die Mercedes-Cloud. Jedes andere Fahrzeug, das mit der Technik ausgestattet ist, kann diesen digitalen Straßenzustandsbericht schon vorher abrufen. Auf diese Weise können Federn und Dämpfern auf den Punkt genau eingestellt werden – für ein möglichst komfortables Fahrgefühl. Damit wird die E-Active Body Control von Mercedes, die bislang nur mit Kameras und Sensoren die Straßenbeschaffenheit vorausberechnet hat, noch intelligenter und treffsicherer. Natürlich gibt es wieder eine Hinterachslenkung. Mit einem Lenkeinschlag von 4,5 Grad, optional auch mit 10 Grad, was vor allem für die extra lange Karosserie interessant ist.
Einige Neuigkeiten hat auch das Motorenprogramm zu bieten. Wir sitzen im Topmodell S580. Unter der Haube – der V8-Kaiser. Er geht in die Verlängerung. Die Leistung des 4,0-Liter-Biturbo-Benziners steigt auf 395 kW / 537 PS, das Drehmoment auf 750 Nm. Ein kraftvolles und kultiviertes Triebwerk, das in vielen Punkten noch verbessert wurde. Dank eines verfeinerten Einspritzsystems, einer überarbeiteten Nockenwelle und Verbesserungen am Verdichterrad und Turboladergehäuse spricht der Motor noch schneller an. Das würden wir gerne selber spüren. Aber schon auf dem Beifahrersitz fühlt sich die Maschine souverän, ruhig und entspannt an. Der Sound klingt kernig, aber zurückhaltend – und ist vor allen Dingen echt. Nichts kann einen Achtzylinder ersetzen, das weiß auch Toyota und entwickelt so eine Maschine gerade eben noch mal neu.
Unterhalb des V8-Kaisers tummelt sich der V6-König im S450. Auch das Dreiliter-Aggregat hat mehr Leistung, wie viel genau, wurde noch nicht verraten. Das Drehmoment macht jedenfalls einen echten Sprung von 500 auf 640 Nm in der Spitze. Dank eines neuen elektrischen Kompressors zieht sich die volle Power über einen Drehzahlbereich von 2.500 bis 4.500 U/min. Wie bei allen Motoren unterstützt ein Startergenerator mit 17 kW / 23 PS. Neben den Mild-Hybrid-Antrieben bringen die Stuttgarter auch wieder den Plug-in-Hybrid S580 e in Stellung, der bislang mit einer Systemleistung von 375 kW / 510 PS angetreten ist. Künftig sind es 55 kW / 75 PS mehr. Und auch bei der elektrischen Reichweite mit nun über 100 Kilometern legt Mercedes noch eine Schippe drauf. Das Aggregat, auf das wir am meisten gespannt sind, ist ein echter Diesel-Klassiker, den Mercedes in die Neuzeit gebracht hat. Schon in der aktuellen Generation leistet der Mild-Hybrid-Sechszylinder 390 PS. Er powert mit 750 Nm und ist mega-effizient. Sechs Liter sind auch bei dynamischer Autobahnfahrt drin, das hat ein Praxistest von uns mit einem Mercedes E 450 d ergeben. Das neue Aggregat wurde vor allem bei der Abgasnachbehandlung verbessert, um auch künftige Emissionsgrenzen einzuhalten. Herzstück ist ein neuer elektrisch beheizter Katalysator.
Auch nach 54 Jahren hat die S-Klasse ihre Faszination nicht verloren. Auf der konventionellen (Verbrenner) Seite greift Mercedes wieder einmal in die Vollen. Vom Zwölfzylinder (Maybach), bis zum knackigen Achtzylinder-Biturbo und einer kernigen, aber effizienten Diesel-Maschine ist alles dabei, was deutschen Autos Weltruhm eingebracht hat. Schwer aufgerüstet haben die Stuttgarter auch auf der digitalen Seite. KI-gesteuertes Superhirn trifft auf Hyperscreen. Das alles ist sicher ein Erfolgsrezept für die alte Welt. Ob die S-Klasse damit die verlorene Kundschaft in China zurückholen kann, das steht in den (Mercedes-)Sternen. Rudolf Bögel
2026-01-15T06:29:47Z